Wenn Vibe Coding im Vorstand ankommt, kommt es fast immer als Einsparungsversprechen an. Die Rechnung wirkt eingängig: Wenn Entwicklungsarbeit schneller wird, sinken die Kosten für Entwicklungsarbeit. In den ersten Budgetzyklen, die diese Annahme abbilden, zeigt sich allerdings ein anderes Bild. Die Ausgaben sinken nicht, sie verschieben sich. Wer den Effekt als Einsparung plant, plant an der Realität vorbei und erlebt im Folgejahr eine Diskussion über Budgetüberschreitungen, die vermeidbar gewesen wäre. Wer ihn als Verschiebung plant, gewinnt Steuerungsfähigkeit und kann den tatsächlichen Nutzen belegen.
Die Einsparungsrechnung, die selten aufgeht
Der Denkfehler beginnt bei der Annahme, die Nachfrage nach Software sei fix. Sie ist es nicht. In fast jeder Organisation existiert ein Rückstau an Anforderungen, die nie umgesetzt wurden, weil sie den Aufwand nicht rechtfertigten. Sinkt der Aufwand, wird ein Teil dieses Rückstaus wirtschaftlich, und die Nachfrage steigt. Der Effekt ist wünschenswert, denn es entstehen Anwendungen, die vorher keine Chance hatten. Er führt aber dazu, dass die gewonnene Kapazität nicht als Einsparung sichtbar wird, sondern als höherer Durchsatz bei gleichem Budget.
Der zweite Denkfehler betrifft die Verteilung des Zeitgewinns. Beschleunigt wird das Schreiben von Code, und das Schreiben von Code ist in den meisten Projekten nicht der größte Block. Anforderungsklärung, Abstimmung, Test, Freigabe, Integration und Betrieb bleiben weitgehend unberührt. Wer eine Produktivitätsangabe aus einem Werkzeugvergleich auf die gesamten Projektkosten hochrechnet, überschätzt den Effekt um ein Vielfaches. Realistisch ist eine spürbare Beschleunigung in einem Teilabschnitt, nicht eine proportionale Senkung der Gesamtkosten.
Vier Kostenblöcke, die tatsächlich wachsen
Der erste Block sind Lizenzen und Nutzungskosten. Sie sind sichtbar, werden aber regelmäßig zu niedrig angesetzt, weil die Planung von einem Preis pro Arbeitsplatz ausgeht, während die tatsächliche Abrechnung zunehmend nutzungsabhängig erfolgt. Ein Team, das intensiv arbeitet, erzeugt ein Vielfaches der Kosten eines Teams, das gelegentlich arbeitet, und genau diese Spreizung ist im Planungsansatz nicht abgebildet. Der zweite Block ist Befähigung. Der Unterschied zwischen geschulter und ungeschulter Nutzung ist in diesem Feld größer als der Unterschied zwischen zwei Werkzeugen, und ohne Schulung bleibt der Lizenzaufwand weitgehend wirkungslos.
Der dritte Block ist Prüfkapazität. Mehr erzeugter Code bedeutet mehr zu prüfenden Code, und geprüft wird von erfahrenen Entwicklern, die ohnehin der Engpass sind. Wer diesen Block nicht plant, verlagert ihn nicht, sondern erzeugt einen Rückstau, der die Beschleunigung wieder aufhebt. Der vierte Block ist Governance und Nachweisführung. Kennzeichnung maschinell erzeugten Codes, Protokollierung, Anpassung der Freigabeprozesse und die regelmäßige Überprüfung der Werkzeugfreigaben verursachen einen laufenden Aufwand, der in keinem Werkzeugpreis enthalten ist und in der ersten Planung fast immer fehlt.
Der stille Posten: Betrieb dessen, was im Fachbereich entsteht
Der teuerste Posten taucht meist erst im zweiten Jahr auf. Fachbereiche bauen Anwendungen, die ihren Zweck erfüllen und deshalb bleiben. Damit entsteht Software, die betrieben, aktualisiert, abgesichert und irgendwann übernommen werden muss, ohne dass dafür eine Zuständigkeit vorgesehen war. In der Summe ergibt das einen Bestand, der nicht im Anwendungsportfolio geführt wird und dessen Pflege trotzdem Aufwand bindet. Dieser Bestand wächst still, weil jede einzelne Anwendung für sich klein wirkt.
Planbar wird dieser Posten durch eine Entscheidung, die vor dem Bau getroffen wird. Für jede im Fachbereich entstandene Anwendung wird festgelegt, ob sie ein Wegwerfprototyp bleibt, ob sie im Fachbereich betrieben wird oder ob sie in die IT überführt wird, und im dritten Fall unter welchen Mindestanforderungen. Diese Festlegung kostet wenige Minuten je Anwendung und verhindert den Aufbau eines Bestands, dessen Ablösung später ein eigenes Programm erfordert. Sie ist der wirksamste Einzelhebel auf die Gesamtkosten in diesem Feld.
Was sich für die Budgetplanung daraus ergibt
Die Verschiebung lässt sich in der Planung sichtbar machen, wenn drei Größen getrennt geführt werden. Erstens der Aufwand für externe Entwicklungsleistung, der tatsächlich sinken kann, allerdings zeitversetzt und nur dort, wo interne Kapazität die Arbeit übernimmt. Zweitens die neuen laufenden Blöcke aus Lizenzen, Befähigung, Prüfkapazität und Governance, die von Beginn an als Betriebskosten und nicht als Projektkosten geführt gehören. Drittens der Bestand an im Fachbereich entstandenen Anwendungen, der als eigene Kennzahl berichtet wird, damit er nicht unbemerkt wächst.
Für den Nachweis des Nutzens taugt keine dieser Größen allein. Belastbar ist die Durchlaufzeit von der Anforderung bis zur produktiven Nutzung, gemessen an einer Vergleichsgruppe vor der Einführung. Diese Kennzahl bildet ab, was tatsächlich gewonnen wurde, und sie ist gegenüber Aufsichtsrat und Prüfung erklärbar. Wer stattdessen eingesparte Entwicklertage berichtet, führt eine Diskussion über eine Zahl, die sich nicht belegen lässt, und verliert Glaubwürdigkeit für das gesamte Programm.
Fazit und Empfehlung
Vibe Coding senkt die IT-Ausgaben nicht, es verändert ihre Struktur. Für den nächsten Budgetzyklus empfehlen wir drei Schritte. Erstens die vier wachsenden Blöcke aus Lizenzen, Befähigung, Prüfkapazität und Governance explizit einplanen, statt sie in bestehenden Positionen verschwinden zu lassen. Zweitens eine Regel für den Verbleib von im Fachbereich entstandenen Anwendungen festlegen, bevor der Bestand entsteht. Drittens die Durchlaufzeit als Nutzenkennzahl definieren und eine Ausgangsmessung durchführen, solange die Vergleichsbasis noch existiert.
ECODYNAMICS begleitet Unternehmen bei genau dieser Planung. Im Rahmen von Enterprise Vibe Coding befähigen wir IT- und Fachbereichsteams, ordnen die Werkzeuglandschaft nach Zweck und Datenklasse und verbinden das mit einer Governance, die den Aufwand kalkulierbar hält. Wenn bei Ihnen gerade die Budgetplanung für das kommende Jahr läuft, sprechen Sie mit uns, bevor die Einsparung als Zielgröße festgeschrieben wird.